Viele Spitäler setzen ein klinisches Informationssystem (KIS) ein, um Patientendaten hausintern zu erfassen und zu übermitteln, teilweise in Echtzeit. Je nach Institution werden die Daten auch mit Patientinnen und Patienten geteilt. KIS haben viele Vorteile, etwa Effizienzsteigerung, Kostensenkung oder Transparenz gegenüber Patientinnen und Patienten. Es bestehen aber auch medizin-ethische Herausforderungen. Eine Stellungnahme der SAMW mit Empfehlungen zu einem verantwortungsvollen Einsatz von KIS ist in Arbeit.
Im klinischen Informationssystem (KIS) werden alle intern verfügbaren Daten wie Laborbefunde oder Diagnosen gesammelt und den involvierten Fachpersonen – und teilweise den Betroffenen selber – zur Verfügung gestellt. Es ist unbestritten, dass Patientinnen und Patienten ihre eigenen Daten nicht vorenthalten werden dürfen. Dies ermöglicht mitunter eine aktive Teilhabe an der klinischen Entscheidungsfindung. Allerdings kommt der Art, wie Daten und Befunde übermittelt werden, eine medizin-ethisch wichtige Bedeutung zu.
Kommunikation und Beziehung: wünschenswerte Effekte
Die Kommunikation von Diagnosen, Befunden und Therapieoptionen sollte auf fürsorgliche Weise erfolgen, insbesondere wenn es sich um Informationen von hoher Komplexität und/oder grosser Tragweite handelt. Dies wird in der Regel im Rahmen des Arztgesprächs sichergestellt. Eine direkte, den Umständen angepasste Kommunikation ist zentrales Element einer vertrauensvollen Arzt-Patienten-Beziehung. Ein ungerichteter digitaler Informationsfluss kann diese nachhaltig stören – insbesondere, wenn Patienten sensible Mitteilungen direkt aus dem KIS erhalten und damit alleingelassen sind. Da viele Informationen, mit denen Gesundheitsfachpersonen arbeiten, vorläufigen Charakter haben und sich langfristig als klinisch irrelevant herausstellen, können unnötig Fragen und Ängste ausgelöst werden.
Für Patientinnen und Patienten mit hoher Gesundheitskompetenz kann die Nutzung des KIS einen grossen Autonomiegewinn darstellen. Die gemeinsame Entscheidungsfindung im Arzt-Patient-Gespräch lässt sich besser abstützen, wenn Informationen bereits im Vorfeld im KIS zur Verfügung stehen. Die Qualität der Dokumentation könnte schliesslich von der Aufmerksamkeit profitieren, mit der Betroffene die Einträge im KIS lesen. Zusätzlich zur Verbesserung von Workflow und Interoperabilität kann der Einsatz von KIS also medizin-ethisch wünschenswerte Effekte haben, wenn die Systeme auf geeignete Weise eingerichtet sind. Allerdings gilt es beim Einsatz eines KIS auch zu bedenken, dass sich Gesundheitseinrichtungen durch den Kauf bestimmter technischer Anwendungen in ein langfristiges Abhängigkeitsverhältnis zu anbietenden Unternehmen begeben können.
Stellungnahme der Zentralen Ethikkommission der SAMW
Die Zentrale Ethikkommission (ZEK) der SAMW hat im September 2025 eine Arbeitsgruppe eingesetzt und mit der Erarbeitung einer Stellungnahme beauftragt. Diese soll sowohl die Chancen wie die Herausforderungen beim Einsatz klinischer Informationssysteme prüfen, einordnen und aus medizin-ethischer Perspektive Empfehlungen für einen verantwortungsvollen Umgang bieten. Die Stellungnahme wird voraussichtlich im Winter 2026/2027 veröffentlicht.
Zusammensetzung der Arbeitsgruppe
Dr. sc. med. Valerie Luyckx, Zürich, Nephrologie (Vorsitz)
Dr. phil. Christian Budnik, SAMW, Bern (ex officio), Ethik
Dr. med. Markus Eichelberger, Bern, Innere Medizin
Dr. med. Antje Heise, Thun, Intensivmedizin
Dr. iur. Damian König, Sion, Recht
Prof. Dr. med. Anja Lorch, Zürich, Onkologie
Dr. med. Madeleine Mirabaud, Genève, Pädiatrie
Prof. Dr. Settimio Monteverde, Zürich, Klinische Ethik
Bianca Schaffert-Witvliet, Schlieren, ANP Medizin, Langzeitpflege
Dr. sc. med. Jan Schürmann, Basel, Klinische Ethik