Studie «Die Praxis gelingender interprofessioneller Zusammenarbeit»

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Die interprofessionelle Zusammenarbeit (IPZ) hat in den letzten Jahren an Aufmerksamkeit gewonnen. Dabei wurde die Forderung nach mehr und besserer IPZ immer lauter; gleichzeitig blieb die Frage offen, was IPZ in der Praxis für die handelnden Fachpersonen konkret bedeutet. Eine SAMW-Auftragsstudie bietet Orientierung.

Die SAMW hat beim College M in Bern eine Studie in Auftrag gegeben mit dem Ziel, dem Verständnis von IPZ in der Praxis nachzugehen und allgemeingültige Schlussfolgerungen daraus abzuleiten. Die veröffentlichte Studie untersuchte fünf Versorgungssettings: Grund- und Palliativversorgung, chirurgische, internistische und psychiatrische Versorgung. Insgesamt fanden in diesen Settings 25 Interviews mit Fachpersonen unterschiedlicher Berufsgruppen statt; im Zentrum stand die Frage, was von den Praktikern als gelingende und misslingende IPZ beschrieben wird. 

 

 

Verdichtete Zusammenarbeit bei Krisen

Ein Hauptbefund der Studie ist, dass die als gelungen geschilderten Beispiele von IPZ Verdichtungen von Arbeitsabläufen und Handlungen darstellen; diese entstehen vor allem um Krisen von Patienten. Dabei unterscheiden sich die Arten von Krisen und die durch sie provozierten Verdichtungsformen interprofessioneller Zusammenarbeit stark. Akut-somatische Krisen etwa koordinieren die Expertise der Fachpersonen entlang einer medizinischen Logik. Lebensend-Krisen eines Palliativpatienten hingegen provozieren individualisierte Behandlungspfade, ohne sich einem einzelnen Rational zu fügen. 

 

 

IPZ ist mehr als eine Neuverteilung der Aufgaben

Unbestritten sind eine konstruktive Zusammenarbeitskultur und Augenhöhe zwischen den Berufsgruppen eine wichtige Voraussetzung für gelingende IPZ. Gleichzeitig machen die Ergebnisse deutlich, dass ein kultureller Wandel einen nötigen, aber keinen hinreichenden Ankerpunkt bildet, um IPZ nachhaltig zu fördern. Zusätzlich sind die spezifischen Anforderungen der jeweiligen organisatorisch und fachlich definierten Settings zu berücksichtigen. IPZ ist auch nicht mit der (Neu-)Verteilung von Aufgaben zwischen den Berufsgruppen oder mit Delegation gleichzusetzen. Die Verschiebung von Aufgaben zwischen Berufsgruppen – so angebracht sie aus verschiedenen Gründen sein können – tangiert nicht automatisch das beschriebene Moment der Verdichtung von Arbeitsabläufen und Handlungen. Die Thematisierung und Implementierung solcher Neuverteilungen können hingegen ausgezeichnete Anlässe für Reflexionen über interprofessionelle Zusammenarbeit sein. 

 

 

 

 

 

KONTAKT

lic. phil. Valérie Clerc
Generalsekretärin